Taz 29. 05. 2014 Lena Müssigmann

Wahlsiegerin Ulrike Zimmer
Basisgrüne mit Rekordergebnis
Im badischen Merzhausen bekamen die Grünen fast jede zweite Stimme. Fraktionschefin Ulrike Zimmer kennt das Geheimnis des Wahlerfolgs.

Würde es überall so gut für die Grünen laufen wie in Merzhausen, könnten sie sich tatsächlich mal ein Nickerchen gönnen.  Bild: imago/ipon

Ulrike Zimmer, Grünen-Fraktionschefin im Gemeinderat von Merzhausen, hat lange dafür kämpfen müssen, in ihrer Heimat zwischen Breisgau und Hochschwarzwald nicht als eine politische Spinnerin hingestellt zu werden. Seit 1996 ist sie für die Ökopartei im Gemeinderat. Dabei war das 5.000 Seelen zählende Dorf Merzhausen lange Zeit so schwarz wie der Wald, an den es grenzt.

„Die CDU hatte hier die Meinungsmacht“, sagt Zimmer. Doch bei der Kommunalwahl am vergangenen Wochenende haben die Grünen hier ein utopisch anmutendes Ergebnis geliefert: 48,48 Prozent der Stimmen haben sie abgeräumt. Es ist das beste Ergebnis in ganz Baden-Württemberg.

Für Ulrike Zimmer (66) ist es die Krönung ihrer kommunalpolitischen Karriere. „Wir haben uns mühsam hochgearbeitet, von drei, vier Sitzen angefangen. Jetzt haben wir 7 von 14 Sitzen, das ist Wahnsinn.“ Bei der Wahl 2009 war sie mit ihrer Liste auf 34,1 Prozent gekommen, schon damals landesweit das Spitzenergebnis. Den jetzigen Höhenflug der Merzhauser Grünen hat eine grün-rote Koalition im Geiste verursacht: Die SPD-Liste war überaltert und ist deshalb nicht mehr angetreten. Diese Stimmen kamen den Grünen zugute. „Es ist schön, dass die Leute jetzt bereit sind, Grün zu wählen“, sagt Zimmer dazu.

Den Partei-Granden in Stuttgart kann sie aber nicht allzu viel Hoffnung machen, dass Merzhausen jetzt Schule macht. „Unser Ergebnis ist nicht unbedingt ein Parteigewinn. Bei der Kommunalwahl ist es wichtig, welche Köpfe antreten.“ Genau wie sie selbst seien alle Leute auf der grünen Liste im Dorf engagiert. Ulrike Zimmer hat einst als Elternbeirätin an der örtlichen Schule begonnen. „Man wird wahrgenommen, wenn man im Ort was bewegt“, sagt sie.

Für die Grünen in Merzhausen kam der Durchbruch mit der Rettung des hochdefizitären Merzhausener Schwimmbads. „Wir haben eine gemeinnützige GmbH gegründet. Früher hat das Bad 350.000 Euro Miese gemacht, heute gibt die Gemeinde nur noch 90.000 Euro dazu“, sagt sie. „Ein Vorzeigeprojekt.“ An der Basis gute Arbeit zu leisten, sagt Zimmer, sei das Geheimrezept für den Erfolg.
 


BZ 28.5.2014
"Unser Ergebnis ist einfach unvorstellbar gut"
Bündnisgrüne legen um 14 auf 48,5 Prozent zu und haben jetzt sieben Sitze / CDU und Freie Bürgergemeinschaft kaum verändert / SPD trat nicht mehr an.

 

MERZHAUSEN. Die Wahl in Merzhausen war von vornherein spannend, ging es doch darum, wer die beiden Plätze, die die nicht mehr antretende SPD freimacht, auf seine Seite ziehen kann. Das Ergebnis war dann für einige überraschend, je nach Perspektive freudig und weniger freudig. Denn beide Sitze gingen an Bündnis 90/Die Grünen, die mit 48, 5 Prozent und damit 14 Prozent mehr als 2009 auch ihr bestes Kommunalwahlergebnis einfuhren. Die CDU verlor leicht (28,9 Prozent, 2009: 30,1 Prozent), die Freie Bürgergemeinschaft legte leicht zu (22,6 gegenüber 21,5 Prozent 2009).Die 14,5 Prozent der SPD im Jahr 2009 (damals wurde Lore B.Illy und Hubert Schickl gewählt) gingen also so gut wie komplett an Bündnis 90/Die Grünen und entsprechend groß war die Feierlaune bei der Partei. Im Haus der Fraktionsvorsitzenden Ulrike Zimmer, die auch erstmals in den Kreistag gewählt wurde, wurde am Montagabend ebenso spontan wie kräftig gefeiert. "Freude und Dankbarkeit sind bei uns riesig" sagt sie am Morgen danach.
Das Ergebnis sei eine Bestätigung der Arbeit in der Fraktion, aber auch ein Indiz dafür, dass die Liste mit Menschen aller Alters- und vieler Berufsgruppen sehr stark aufgestellt war. Es habe keine Füllkandidaten gegeben, sondern durch die Bank in der Gemeinde bekannte und engagierte Bürger. Daher hätten die Kandidaten auch bis zum letzten Platz sehr gute Ergebnisse bekommen. "Unser Ergebnis ist einfach unvorstellbar gut, damit haben wir wirklich nicht gerechnet."
Dass Rolf Keßler als einziger amtierender Rat nicht wiedergewählt wurde (Heidrun Jäger trat nicht mehr an), sei nicht so problematisch, meint Ulrike Zimmer. Schon vor fünf Jahren sei der Stimmenabstand zwischen ihm und Julia Emschermann-Dierkesmann sehr eng gewesen. Diesmal liege sie vorne. Da die Fraktion auch während der Legislaturperiode eng mit allen Listenkandidaten zusammenarbeitet – darin sieht Ulrike Zimmer einen weiteren Grund für den Wahlerfolg – bleibe seine Fachkenntnis und sein Engagement der kommunalpolitischen Arbeit von Bündnis 90/Die Grünen erhalten.

Erfreulich sei, so Zimmer, dass mit Tom Welte ein 20-Jähriger den Sprung in den Rat geschafft hat. Welte hat übrigens mehr Stimmen (1232) als die beiden Erstplatzierten auf der CDU-Liste, Andreas Schonhardt (1219) und Ekkehard Mayer (1209). Profitiert, so Ulrike Zimmer, habe die Liste auch von Christoph Ueffing, der als Pfarrgemeinderatsvorsitzender im Ort bekannt sei und dem sicher von der Diskussion um Umbau oder Neubau des katholischen Kindergartens genutzt habe.

Einen Spitzenplatz hat Ulrike Zimmer allerdings verloren und das ist der der Stimmenkönigin. Diese Position nimmt mit 50 Stimmen Vorsprung (2088 Stimmen) ihre künftige Fraktionskollegin Hannah Kegel ein, die als Geschäftsführerin von Bürgerbad und durch ihre Kandidatur für das Bürgermeisteramt im Ort bekannt und geschätzt ist. Welche Auswirkungen dieses Ergebnis auf die zu vergebende Position des stellvertretenden Bürgermeisters hat, will Ulrike Zimmer abwarten. In der Fraktion gebe es auch Ämter wie den Fraktionsvorsitz zu vergeben.

Die CDU ist mit zwei Zielen zur Wahl angetreten: Sie wollte die Freie Bürgergemeinschaft auf Abstand halten, das ist gelungen. Und sie wollte vom Ausscheiden der SPD profitieren. "Das ist nicht gelungen", sagt Alt- und Neu-Gemeinderat Ekkehard Mayer, CDU. Und das sei bedauerlich, "begeistert sind wir nicht".

Die Europawahl, bei der CDU, SPD und Grüne jeweils um die 25 Prozent erreichten, zeige, dass es im Ort SPD-Anhänger gibt. Diese seien aber bei der Kommunalwahl aus Mangel an SPD-Kandidaten alle zu den Grünen und nicht zur CDU gewandert. Die emotionale Verbundenheit sei zu den Grünen offenbar doch größer als zur CDU. Erfreulich sei, dass nach dem Ausscheiden von Ilse Bußmann mit Christian Richter ein junger Familienvater den Sprung in die CDU-Fraktion geschafft habe.

Zufrieden ist die Freie Bürgergemeinschaft mit dem Wahlergebnis. Sie stellt im Rat künftig das gleiche Team wie zuvor. "Wir konnten die drei Sitze, die wir vor fünf Jahren erstmals errungen haben, halten", so Listenführer Franz Asal, der nach den drei Bündnisgrünen Hannah Kegel, Ulrike Zimmer und Walter Witzel die viertmeisten Stimmen erhalten hat. Seine Fraktion habe 1300 Stimmen mehr erhalten als vor fünf Jahren, man habe zwar mit einem möglichen vierten Sitz geliebäugelt, sei aber auch ohne diesen zufrieden. In der Bevölkerung werde die Freie Bürgergemeinschaft offenbar eher dem bürgerlichen Lager zugeordnet. Dem Eindruck wolle seine Fraktion beim nächsten Wahlkampf expliziter entgegentreten. "Wir sind neutral und sachbezogen arbeitende Bürger", so Asal, und das müssen wir mehr herausstellen.

 


Presseerklärung 28/14 der Landes Grünen
Landesvorsitzende Thekla Walker und Oliver Hildenbrand hoch zufrieden mit den Ergebnissen der Kommunalwahlen 2014:
 
Grüne Hochburgen behauptet – Deutlich mehr als 100 Mandate dazugewonnen – 35 neue Grüne und grünnahe Listen ziehen in die Rathäuser ein - Grün etabliert sich auch in der Fläche

„Grün legt in den Rathäusern und Landratsämtern deutlich zu. Grün etabliert sich auch in der Fläche“, zeigen sich die Grünen-Landesvorsitzenden Thekla Walker und Oliver Hildenbrand hoch zufrieden mit den Ergebnissen der Kommunalwahlen 2014. Nach bisherigem Stand – noch sind nicht alle Kommunen ausgezählt – haben die Grünen und grünnahen Listen in Baden-Württemberg deutlich mehr als 100 Mandate in den Gemeinderäten und Kreistagen dazugewonnen;  bisher waren es 1 400. Walker und Hildenbrand: „Wir haben das von uns gesetzte Ziel damit sogar noch übertroffen.“

Von den 35 neu gegründeten Grünen und grünnahen Listen haben sich nach bisherigem Stand alle durchgesetzt und zusammen rund 60 der zusätzlichen Mandate errungen. Unter den Neuen holte zum Beispiel Salem am Bodensee aus dem Stand mehr als 23 Prozent. In 370 Städten und Gemeinden (bisher 334) sitzen nach diesen Wahlen nun Grüne und grünnahe Vertreterinnen und Vertreter in den Räten. In den 35 Kreistagen konnten die Grünen und Alternativen nach bisherigem Stand ihre Position um 20 Sitze leicht ausbauen. 

Top-Gewinner bei den Grünen-Zuwächsen sind die Gemeinden im Rhein-Neckar-Kreis mit insgesamt 23 neuen Mandaten: In Wiesloch und Wiesenbach wurden die Grünen sogar stärkste Fraktion. Kräftig legten die Grünen in Heidelberg zu – sie holten sich wie die CDU zehn Ratssitze. 

Stark sind die Grünen traditionell in den Universitätsstädten. In Tübingen rutschten die  AL/Grüne wieder leicht unter die 30-Prozent-Marke, dennoch bleibt die Stadt am Neckar die grünste Stadt Baden-Württembergs – gefolgt von den Grünen-Hochburgen Freiburg, Stuttgart und Konstanz. Grünster Landkreis ist und bleibt der Landkreis Tübingen.

Gute Ergebnisse erzielten die Grünen aber auch im ländlichen Raum: In Markdorf am Bodensee zum Beispiel wurden die Grünen mit 29, 2 Prozent fast stärkste Kraft. Im traditionell „schwarzen“ Landkreis Biberach kamen die Grünen in Laupheim auf 22,6 Prozent. In Gengenbach in der Ortenau erzielte die Grüne Liste 26,7 Prozent. Im Landkreis Sigmaringen konnten sich die Grünen im Kreistag um vier Prozent verbessern und zwei Sitze hinzugewinnen.

Absoluter Spitzenreiter ist und bleibt die kleine Gemeinde Merzhausen mit 48,5 Prozent für die Grünen. Stärkste Fraktion sind die Grünen und grünnahen Listen nach bisheriger Auswertung nun in sieben Städten und Gemeinden.

GRÜNE HOCHBURGEN:

  • Neu im Kreis der stärksten Fraktion:
    In Wiesloch (Rhein-Neckar-Kreis) liegen die Grünen mit 25,47 Prozent vor der CDU mit 23,81 Prozent. In Wiesenbach (ebenfalls Rhein-Neckar) liegen die Grünen mit 28 Prozent vor den Freien Wählern mit 25,5 Prozent.
  • In Heidelberg legten die Grünen zu von 14,7 Prozent 2009 auf jetzt 19,7 Prozent. Damit haben sie 10 Sitze errungen - gleich viele Sitze wie die CDU, die auf 20,8 Prozent kam.
  • Grüner Spitzenreiter ist und bleibt Merzhausen mit sage und schreibe 48,48 Prozent (CDU: 28,88 Prozent). Schon 2009 toppte die kleine Gemeinde im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald alle anderen, damals mit 34,1 Prozent.
  • Mit Bad Boll ist eine weitere Gemeinde nah dran an der 40 Prozent-Marke: Die Grüne Liste Bad Boll holte sich 39 Prozent der Stimmen (2009: 31,85)

NEULINGE:

35 neue Grüne und grünnahe Listen traten bei der Kommunalwahl 2014 an – das war absoluter Rekord. Durchsetzen konnten sich nach bisherigem Stand alle.

  • Gleich mit mehr als 23 Prozent setzte sich die Grüne Offene Liste Salem im Bodenseekreis durch.
  • Knapp 20 Prozent holten sich die Grünen in Altlußheim (Rhein-Neckar) und die Liste Mensch und Umwelt in Niefern-Öschelbronn (Enzkreis).
  • Stark auch Herbolzheim (Landkreis Emmendingen) und Malsch (Rhein-Neckar) mit mehr als 17 Prozent.

11-2010

Die ZEIT: Die Grünen - Wehe, wenn wir wieder regieren

So beliebt wie heute waren die Grünen noch nie. Aber manchen ist der Erfolg unheimlich. So ist die Partei gespalten. Soll sie Volkspartei werden – oder Wohlfühlpartei bleiben?
 

Das Fremdeln mit Deutschland gehört zum Lebensgefühl der Grünen wie der Stolz auf die Wiedervereinigung zur CDU. »Gibt es ein Land auf der Erde / wo der Traum Wirklichkeit ist?«, hieß es in einer finsteren Anti-Nationalhymne von Rio Reiser, dessen Lieder für Hausbesetzer, Atomkraftgegner und Friedensdemonstranten unverzichtbar waren. »Ich weiß es wirklich nicht«, lautete die verzweifelte Antwort, »ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: dieses Land ist es nicht!« Claudia Roth war die Managerin der Band Ton Steine Scherben. Heute ist sie Vorsitzende einer Partei, die manche angesichts ihrer neuesten Umfragewerte schon »Volkspartei« nennen. Beim Wort »Volk« hätten viele der Zehntausenden, die am vergangenen Wochenende das Berliner Regierungsviertel umzingelten, nach ihrem Pfefferspray gegriffen.

Aber mit 27 Prozent der Stimmen, wie sie eine Umfrage jüngst für die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März in Aussicht gestellt hat, ist man nicht mehr draußen vor der Tür. Keine kleine, radikale Minderheit im schwarz-gelben »Atomstaat«. Man regiert auch nicht mehr nur irgendwie mit. In Berlin, in Baden-Württemberg oder in Schleswig-Holstein könnte die frühere Anti-Parteien-Partei schon sehr bald in die Verlegenheit kommen, das Zepter in die Hand nehmen zu müssen – und sogar den Regierungschef zu stellen. Die Haltung zu Deutschland ist nicht mitgewachsen mit den atem-beraubenden Zahlen. Verantwortung für ein Land übernehmen, dem man doch zutiefst misstraut – hat Claudia Roths Partei da die Grenzen des Wachstums erreicht? Was genau würden die Grünen machen, wenn sie König von Deutschland wären?

Wenn es irgendwo einen Ort gibt, wo die Grünen längst Volkspartei sind, dann ist es Berlin-Kreuzberg. Christian Ströbele, 71, hat hier 2002 erstmals ein Direktmandat für den Bundestag gewonnen. Seitdem ist der Wahlkreis grün. Hier hatte die Partei mit den sagenhaft anschwellenden Sympathiewerten Jahre Zeit zu beweisen, was sie auf Bundesebene derzeit nur versprechen kann: dass sie die Partei des Gemeinwohls ist. Die Partei derjenigen, die nicht lange fragen, was für sie dabei herausspringt. Die Partei, die an das Ganze denkt, auch das von morgen und übermorgen. Die den Leuten die Wahrheit sagt, auch wenn es wehtut. In Kreuzberg aber, so sieht es jedenfalls ein ziemlich verbitterter Grünen-Kritiker, sind sie an dieser Aufgabe kläglich gescheitert. »Die Leute hier, die sind nicht glücklich mit uns. Die fragen: Warum hört man von Christian Ströbele zwar viel zum Krieg in Afghanistan, aber nichts zum täglichen Kleinkrieg an Kreuzberger Schulen? Wir wollen gute Bildung, er fordert die Einführung islamischer Feiertage. Warum fällt ihm zu Sarrazin nichts ein? Hat er schon mal mit einem Hartz-IV-Empfänger oder einem Junkie am Kottbusser Tor gesprochen? Wahrscheinlich nicht, denn er wohnt ja im Grunewald.«

Der Kritiker will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Schließlich dürfen die Grünen in Berlin bei der anstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus mit zweistelligen Zuwächsen und vielen, vielen neuen Listenplätzen und Mandaten rechnen, und er möchte eins davon. Aber viele in der Partei fürchten, was er fürchtet: Dass die stetigen Stimmengewinne, die Renaissance des Atomthemas, die Straßenproteste in Stuttgart genau die Art von linkem Populismus – er spricht sogar von »Bigotterie« – befeuerten, wie er in Kreuzberg regiert.

Bei der Frage, ob die Grünen das Zeug zu einer verantwortlich agierenden Volkspartei haben oder doch im Zweifel in der Provinz ihrer Wohlfühl-Themen hocken bleiben werden, stößt man auf einen Riss. Er verläuft nicht unbedingt zwischen den Generationen, wie man erwarten könnte, sondern zwischen Nord und Süd. Es ist der Norden, der eher zur Pflege der linksgrünen Bewegungstradition neigt, während grüne Mandatsträger im Süden neue Wege gehen, eine eigene grüne Form von Loyalität zu ihren Ämtern, Gemeinden und Rathäusern entwickeln. Es ist vermutlich kein Zufall, dass alle vier grünen Oberbürgermeister aus dem Süden stammen.

»In Brokdorf hat mich mein Land mit Wasserwerfern gejagt«, sagt Roth

In Kiel, wo die Grünen eine Neuwahl erzwungen haben und auf Verdoppelung ihrer Mandate hoffen dürfen, sitzt der Schriftsteller und grüne Spitzenkandidat Robert Habeck und bastelt an einem »Patriotismus ohne Deutschland«. In Berlin hat die Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke dafür gesorgt, dass die Heinrich Böll Stiftung das Wort »Volkspartei« von den Plakaten nahm und in »Grüne Mehrheitspartei« umbenannte. Die Grüne Jugend fordert dringend die Abschaffung des Paragrafen gegen Verunglimpfung der Symbole der Bundesrepublik.

In Tübingen dagegen, wo die Grünen mit 32 Prozent regieren, wo sie sich für Nahverkehr, Stadtwerke, Integration und Kinderbetreuung etwas Bezahlbares und Vernünftiges haben einfallen lassen, fragt der grüne Oberbürgermeister Boris Palmer entgeistert: »Volkspartei? Selbstverständlich! Das sind wir doch längst!« Sein Amtskollege Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, warnt seine Partei vor zu großer Freude über die neue Protestkultur, über das Neinsagen zu parlamentarisch beschlossenen Großprojekten. »Für unsere Partei wäre es ein Fortschritt, wenn wir uns als Volkspartei sehen würden«, meint Salomon, der auf dem Land bei CDU-Wählern gelegentlich schon mehr geschätzt wird als in den Cafés des coolen Viertels Vauban. »Es erhöht die Bereitschaft, auch mal gegen die Straße an vernünftigen Projekten festzuhalten.« Salomon hat Erfahrung. Als er städtische Wohnungen verkaufen wollte, um den Haushalt zu sanieren, stieg ihm die gesamte Freiburger Alternativszene aufs Dach – ohne eigene Sparvorschläge zu machen. Als er dann in ein Sportstadion einlud – in der Annahme, es kämen die 3500 Beschwerdeführer –, um Vorschläge für einen Bürgerhaushalt zu diskutieren, kamen gerade einmal 180 Leute, fast alles Lobbyisten.

In Freiburg und Tübingen haben die Grünen SPD und CDU bereits hinter sich gelassen. Bei den Landtagswahlen in Berlin und Baden-Württemberg im kommenden Jahr kämpfen sie nicht mehr mit der FDP um Platz drei, sondern mit den beiden etablierten Volksparteien mindestens um den zweiten Rang; in der Hauptstadt könnte es sogar der erste werden. Dennoch handelt die grüne Meistererzählung von Deutschland von einem Land, das einen nie gewollt hat. Das mit Wasserwerfern, Berufsverboten und Schweigespiralen seine Gegner mundtot zu machen versuchte und dem man die Demokratie erst mühsam habe abtrotzen müssen, erst 1968, dann später im Widerstandsdorf »Republik Freies Wendland« bei Gorleben.

»Wir haben diese wertegeleitete neue bürgerliche Mitte, die uns jetzt wählt, im Grunde selbst hergestellt«, behauptet Fraktionschefin Renate Künast. Willy Brandt und die Ostpolitik kommen in dieser Erzählung so wenig vor wie die Westbindung der Christdemokraten. »In Babenhausen bei Memmingen, wo ich aufgewachsen bin«, erzählt Claudia Roth, Tochter eines Zahnarztes und einer Lehrerin, »waren meine Eltern, die Zugezogenen, als FDP-Wähler praktisch Outcasts und galten als linksradikal. Wir waren nicht willkommen. Weil wir sonntags nicht in die Kirche gegangen sind, habe ich schlechte Noten bekommen, obwohl ich eine der Besten war. Meine Mutter durfte sich als berufstätige Frau nicht ins Buch der Stadt eintragen. In Brokdorf hat mich mein Land mit Wasserwerfern gejagt.«

Nun, was Claudia Roth betrifft, hat der diskrete Charme des wiedervereinigten Deutschlands sie wohl mehr um den Finger gewickelt, als sie zugeben kann. Wenn die Grünen-Vorsitzende als Mitglied der Kulturstiftung des DFB bei Fußballspielen neben Theo Zwanziger sitzt, dann gehört sie eben doch dazu. Und heute rutscht Claudia Roth, für die das grüne Ja zum Kosovo-Einsatz der Bundeswehr Ende der neunziger Jahre die schwerste Zeit ihres politischen Lebens war, beim Bericht von ihrer Afghanistanreise schon mal heraus, dass »unsere Jungs« von der Bundesregierung hängen gelassen werden. Die Anführungsstriche spricht sie allerdings vorsichtshalber noch mit. Claudia Roth hat innerlich längst ihren Frieden mit Deutschland gemacht. Aber sie hat keine Philosophie dafür.

Im Wendland machen sie mobil für den heißen Herbst gegen Atomkraft. Workshops werden angeboten zu Themen wie »Umgang mit Angst und Wut« oder »Basisdemokratie«. Kirchenchöre aus der Nachbarschaft studieren die alten Widerstandslieder zur Melodie von »Wir sind die Moorsoldaten«. Die alten Buttons sind wieder da, die Gesichtsmasken, die schwarz-gelben Fässer. Manche protestieren in der dritten Generation. Fritz Kuhn, der ehemalige Fraktionsvorsitzende der Grünen, macht sich aber keine Sorgen, dass seiner Partei eine Regression in die Protestkultur der achtziger Jahre bevorsteht. Auch er hat einen seiner Söhne vergangenen Samstag zur Großdemo gegen den »Atomdeal« der Bundesregierung mitgebracht.

Mit Kuhns Namen verbindet sich, was die Grünen der Gegenwart von den Petra-Kelly-Grünen der achtziger Jahre unterscheiden soll: dass Ökologie »sich rechnet«. Dass sie Jobs schafft. Dass nachhaltige Haushaltspolitik, Ausgabenkritik, Ingenieursgeist – dass alles das grüne Tugenden sind. Green New Deal heißt die Zauberformel, die inzwischen jedermann mit den Grünen verbindet, obwohl sie zuerst 1990 vom SPD-Umweltpolitiker Michael Müller ins Spiel gebracht worden war. Von den Zumutungen, mit denen man die Grünen früher verband, ist keine Rede mehr. Wachstum und Verzicht speisen sich in diesem Zukunftsszenario auf geradezu paradiesische Weise immer selbst. Es tut überhaupt nicht weh! »Ich habe früher gern in der Badewanne die Neue Zürcher Zeitung gelesen«, erzählt Fritz Kuhn. »Da musste man ja irgendwann immer heißes Wasser nachlaufen lassen. Kostet zu viel Energie. Das mache ich heute nicht mehr. Und Fleisch essen wir nur noch einmal in der Woche, dafür darf es dann auch besonders gutes sein.«

Dass die Menschen da draußen einem nicht für alles, was eine grüne Regierung beschließen wird, den vorgewärmten Bademantel hinhalten werden, ahnen die Nachdenklicheren. »Ich sehe eine große Demut bei uns«, meint die grüne Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. »Niemand käme auf die Idee, sich da etwas unter die Schuhsohlen zu schreiben.« Es gibt kein Projekt 18, nicht einmal ein Projekt 15 – obwohl die Grünen in vielen Umfragen derzeit jenseits von 20 Prozent notiert werden. Aber die Angst vor dem Absturz begleitet den Aufstieg. Das Beispiel der FDP steht vielen Grünen warnend vor Augen: Wehe, wenn wir wieder regieren!


Der Hamburger Konflikt um die Schulreform war ein Kindergeburtstag im Vergleich zu dem, was kommen wird, wenn etwa eine grüne Bundesregierung in großem Stil Stromtrassen durch ein Naturschutzgebiet lenken oder Windräder aufstellen will, wo sie jemandem die Sicht verstellen. Der Konflikt zwischen Klimaschutz und Naturschutz, das hat die frühere nordrhein-westfälische grüne Umweltministerin Bärbel Höhn erfahren, führt zu Verratsvorwürfen und Enttäuschungen – auch wenn man ihn am Ende durch gutes Zureden beilegen kann (oder durch finanzielle Beteiligung der Bürger am Bau der Windräder). Ahnt womöglich auch die Kanzlerin, was den Grünen da bevorsteht, und kettet sich deshalb so an die Atomindustrie und das Bahnhofsprojekt von Stefan Mappus? Dass die Revolution in Stuttgart und anderswo ihre grünen Kinder fressen wird, sobald die Schatten der Windradflügel auf die Vorortvillen fallen? Fraktionschef Jürgen Trittin wischt diesen Gedanken beiseite. Merkel polarisiere gegen die Grünen, um in den eigenen Reihen konservative Identität zu stiften – und gleichzeitig die SPD zu triezen. Die Wahl in Baden-Württemberg sei Merkels »letzter Schuss«, sagt Trittin, »wenn der danebengeht, ist sie als Kanzlerin erledigt«.

Sven Giegold, Europaabgeordneter der Grünen, hat keine Angst vor den Zerreißproben, die auf seine Partei warten. Seit er im Jahr 2000 die globalisierungskritische Organisation Attac mitgründete, hat er das erlebt: Konflikte zwischen Tierschutz und Naturschutz, zwischen lokalen und internationalen Interessen, zwischen verschiedenen Partikularinteressen, stets mit einer lautstarken »Basis«. Er glaubt nicht daran, dass man immer zwischen allen Interessen vermitteln kann. Die SPD vertrete die Kohlekumpel gegen die Klimaflüchtlinge im Süden, die Grünen verfolgten ein Allgemeininteresse. Giegold, ein gläubiger Christ, ist bei den Grünen, weil sie »eine moralisch fundierte Partei mit einem erfreulich niedrigen Anteil an Spinnern ist«.

Jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird Bürgermeister

Das Land, das die Grünen nie wollte, will sie nun ein bisschen zu sehr. Andere mögen sich fragen, wo ihr Dienstwagen bleibt; die Grünen fragen sich, wer drin sitzen soll. Ein Landesverband wie Schleswig-Holstein beispielsweise hat gerade einmal 1500 Mitglieder. Verdoppelt sich die Zahl der Mandate, bedeutet das: Jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird Bürgermeister. So etwas bessert bekanntlich nicht die Qualität von Fraktionen.

Doch der Zulauf ist ungebrochen; gerade erst haben die Grünen ihr 50.000. Mitglied aufgenommen. Und es sind ganz offenkundig nicht nur Rachegefühle gegen die »Etablierten«, die ihnen diesen Zuspruch verschaffen, und er ist auch mehr als Nostalgie für die achtziger Jahre. Politik zum Mitmachen, bei der man angesprochen wird als denkender Zeitgenosse, der anderes will als »mehr Netto vom Brutto«, der seinen Fluss, seine Innenstadt, und, ja, auch seine Bachstelzen und Auenwälder liebt. Der Spaß hat an plausibler Verkehrsführung. Der für Pakistan mehr will als Almosen. Die Grünen haben sich erbitterte Kämpfe geliefert, miteinander gerungen um die beste Sozialpolitik, um den Einsatz im Kosovo und den von Jürgen Trittin ausgehandelten Kompromiss mit der Atomindustrie, den noch heute viele Grüne als Verrat empfinden. Seit dreißig Jahren sprechen sie von Nachhaltigkeit; jetzt tun es alle. Die Grünen machen den Leuten Hoffnung. Nicht mehr viele Parteien in Deutschland können das noch von sich sagen. Die meisten Grünen wissen, was für ein zerbrechliches Gut das ist.

 

"Die Grünen bieten ein positives Lebensgefühl"

Beim Parteitag in Freiburg dürfte es viele zufriedene Gesichter geben, denn die Grünen stehen in Umfragen glänzend da. Der Publizist Robert Misik meint im Interview mit tagesschau.de, die Grünen profitierten besonders stark von der Schwäche der Regierung. Die Partei biete zudem ein positives Lebensgefühl.

tagesschau.de: Der Höhenflug der Grünen hält Umfragen zufolge an. Wo sehen Sie die Gründe?

Robert Misik: Zum einen ist da die ziemlich jämmerliche Performance der Regierung. Das ist ein banaler, aber nicht unwesentlicher Grund. Der zweite geht tiefer: Es gibt einen Politikverdruss - auch in der bürgerlichen Mitte - gegenüber den etablierten Großparteien, den machtpolitischen Spielen, dem Taktieren. Eine Verärgerung darüber, dass Probleme nicht wirklich benannt werden, weil dies vielleicht einem Ministerpräsidenten nicht passen könnte. Es gibt eine Aversion gegen den Alltag der Politik. Das ist ein anderer Politikverdruss als der der Unterschicht, die dann vielleicht Populisten nachrennt. 

Robert Misik, Jahrgang 1966, schreibt für die "tageszeitung" (Berlin), den "Falter" (Wien) sowie weitere Zeitungen. Er betreibt einen Videoblog beim "Standard" und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Sein jüngstes Buch "Anleitung zur Weltverbesserung - das machen wir doch mit links" ist im Aufbau-Verlag Berlin erschienen.

tagesschau.de: Was machen die Grünen anders als die Großparteien?

Misik: Sie machen keine Klientelpolitik. Sie wirken wie eine rationale politische Kraft, die sagt, wenn sie etwas schlecht findet - und sich nicht verweigert, wenn sie meint, es gebe eine gute Lösung. Dieser Zugang zur Politik spricht viele Bürger an. Vor 15 Jahren hatte man noch gesagt, die Grünen sind ideologische Träumer, sie galten als eine Partei, die am linken Rand des etablierten politischen Spektrums war. Jetzt ist sie in die Mitte gerückt, so dass sie als die vernünftige politische Kraft zwischen den beiden großen Blöcken wahrgenommen wird. Damit sind die Grünen wählbar für frustrierte Anhänger der SPD sowie der Union.

tagesschau.de: Nicht wenige meinen, die Grünen seien damit schlicht beliebig geworden.

Misik: Eine Beliebigkeit würde bedeuten, dass man politische Positionen aufgibt, dass man möglichst schwammig formuliert, um nicht anzuecken. Das zeichnet die Grünen nicht aus, sie vertreten ihre politischen Werte mit Leidenschaft. Andere Parteien sind auch von Werten geleitet. Die Konservativen halten diese besonders hoch - und verhalten sich gleichzeitig diesen gegenüber recht flexibel. Auch bei den Sozialdemokraten wurden in der Ausländer- oder Menschenrechtspolitik schon Positionen über Bord geworfen, wenn sie nicht ankommen. Das tun die Grünen nicht.

tagesschau.de: Das wirkte unter Rot-Grün mit Schröder und Fischer an der Spitze aber noch etwas anders, oder?

Misik: Da hat man den eigenen Leuten viel zugemutet: Ein autokratischer Regierungsstil - Fischer war auch ein Basta-Politiker - und dazu der Kosovo-Krieg. Da sind eine Zeit lang kaum junge Leute in die Partei gekommen, sie ist geschrumpft. Erst in den vergangenen anderthalb Jahren gewinnen die Grünen wieder dazu.

tagesschau.de: Nun wächst die Partei also wieder - und gewinnt bei Umfragen in verschiedenen Milieus an Zustimmung. Wie bekommt man Altlinke, progressive Großstädter und konservative Bürger auf dem Land unter einen Hut?

Misik: Bestimmte Bruchlinien in der Partei sind noch unter der Wahrnehmungsschwelle. Es gibt genügend Leute bei den Grünen, die halb neoliberal sind, die sehr viel Wert auf Leistungsfähigkeit und Individualismus legen. Andere Wähler sind traditionelle Alt-68er. Das ist teilweise witzig, wenn man sich die sehr bürgerlichen Grünen in Berlin anschaut - und in der gleichen Stadt gibt es einen altlinken Helden wie Christian Ströbele. Das geht nur, weil es den Leuten noch nicht richtig auffällt.

tagesschau.de: Das Personal überdeckt also die Gegensätze?

Misik: Die Grünen sind von den Parteien im Bundestag personell am stärksten aufgestellt. Zwei angesehene, hochprofessionelle und präsente Politiker, die schon bewiesen haben, dass sie regieren können: Jürgen Trittin und Renate Künast. Dazu kommt Claudia Roth - die Seele der Partei. Und Cem Özdemir, ein modernistischer Migrant, ist das Gesicht der multikulturellen Gesellschaft. Für alle Spektren ist jemand da - und die Parteispitze arbeitet gut zusammen, ohne sich zu streiten.

tagesschau.de: Gibt es noch ein anderes Erfolgsrezept als nur das Personal?

Misik: Die Grünen bieten ein optimistisches Lebensgefühl. Sie sagen: Wir haben eine ökologische, eine ökonomische Krise - und diese können wir mit einem Konzept lösen: dem "Green New Deal", der neue und grüne Jobs schafft - und somit beiden Krisen bekämpft. Dieses Konzept hat den grünen Negativismus früherer Zeiten vertrieben, der da hieß: Wir müssen verzichten, um die Welt zu retten. Heute ist dies durch einen Positivismus ersetzt. Nein, wir müssen nicht verzichten - und retten die Welt trotzdem, so die Idee. Wir bauen viel bessere Produkte - und schaffen dadurch auch noch Arbeitsplätze. Die Idee einer Win-Win-Situation, wir können konsumieren und alles wird besser.

tagesschau.de: Klingt toll. Ist es mehr als eine schöne Utopie?

Misik: So ganz kann das nicht stimmen, denn wegen der begrenzten Ressourcen wird es auch Verzicht geben müssen. Der "Green New Deal" ist eine Idee, die niemandem weh tut. Andere Konzepte setzen auf Umverteilung - da gibt es immer Gewinner und Verlierer. Das "Green-New-Deal"-Konzept tut hingegen so, als gäbe es nur Gewinner. Aus Marketing-Sicht ein ganz wunderbares Konzept

tagesschau.de: Und es kommt offenbar an. Laut Umfragen könnten die Grünen künftig bei Landtagswahlen stärkste politische Kraft werden oder zumindest die SPD hinter sich lassen. Eine Zeitenwende für die Partei?

Misik: Das sind Umfragen. Aber wenn die Grünen bei einer Landtagswahl tatsächlich die SPD überholen, und es eine grün-rote Koalition gibt - dann beginnt eine neue Zeitrechnung. Die Grünen haben in ihrer DNA eingeschrieben: Wir sind die kleinere Partei, wir sind das Korrektiv. Wenn man aber auf allen Politikfeldern die Linie vorgeben muss, wird das nicht so leicht. Da wird es noch Wachstumskrisen geben. Die Partei hätte zudem ein Problem mit den Personalressourcen. Alle Parteien haben mittlerweile Probleme, die Ämter mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Das hat damit zu tun, dass ein Großteil der Bevölkerung sich nicht in Parteien engagiert und keine politischen Ämter annehmen will. Die Bürger sind zwar verdrossen, dass die Parteien so sind, wie sie sind - zum Teil sind sie aber auch selber schuld. Denn wenn sich nur wenige engagieren, ist das Reservoir der qualifizierten Leute natürlich endlich.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de  Stand: 19.11.2010 11:20

 

Badische Zeitung vom Donnerstag, 6. März 2008 
"Das muffige Parlament wurde aufgemischt" 
Heute vor 25 Jahren sind die Grünen erstmals in den Bundestag eingezogen:
Wie hat sich die Politik dadurch auch auf kommunaler Ebene verändert?

Von unserer Mitarbeiterin Manuela Markolf
HEXENTAL/BATZENBERG. Heute vor genau 25 Jahren sind die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen — mit lila Latzhosen und Friedenstauben auf den Hemden. Mit 5,6 Prozent der Stimmen und 27 Mandaten hatten sie den Sprung ins damalige Bonner Parlament geschafft. Wie hat die Partei die Politiklandschaft — auch auf kommunaler Ebene — verändert, was hat sie erreicht und was nicht?

WalterWitzel

WalterWitzel,ehemaligerGrünenLandtagsabgeordneter, Merzhausen 59 Jahre: Als die Grünen 1983 in den Bundestag kamen, war das etwas völlig Neues. Die bisherigen Politiker wussten nicht, was auf sie zukommen würde. Sie konnten die Grünen weder links noch rechts einordnen. Schon allein wo "die Grünen" im Parlament sitzen sollten, war unklar. Für viele war damals nicht deutlich, für was genau die Partei steht. Als wir zum Beispiel 1984 in den hiesigen Kreistag gewählt wurden, äußerte der damalige Landrat seine Skepsis, ob man mit "den Grünen" überhaupt Politik
machen könne. Die Arbeit der Grünen beeinflusste ohne Zweifel die anderen Parteien wie SPD und CDU. Rückblickend können die Grünen eine gute Erfolgsbilanz ziehen, obwohl sie sich in einigen Punkten der Realität stellen mussten. Viele ihrer Ideen konnten sie umsetzen: "Tempo 30" , die Einführung des Katalysators oder den Ausbau der erneuerbaren Energien. Mittlerweile werden zehn Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen — das haben die Grünen angestoßen. Natürlich veränderten sie sich durch ihre Arbeit im Bundestag. Die Grünen wurden stärker sachorientiert und arbeiteten an konkreten Gesetzesänderungen.

Bärbel Mielich

Bärbl Mielich, Grünen-Landtagsabgeordnete, Pfaffenweiler, 55 Jahre: Mir hat es damals unheimlich gut gefallen, als dieses muffige Parlament aufgemischt wurde. Andere haben den Einzug der Grünen mit sehr viel Misstrauen betrachtet. Sie waren skeptisch und fragten sich, ob man mit denen wirklich Politik machen könne. In Baden-Württemberg war die Partei schon kurz nach ihrer Gründung 1980 in Landtag gewählt worden. Auch in den Gemeinderäten waren die Grünen in Südbaden früh vertreten. Viele Südbadener hatten sich in Wyhl engagiert, so dass es etliche Leute gab, die die "grünen Inhalte" unterstützten. Die grünen Kommunalpolitiker halfen mit, dass die Partei salonfähig wurde. Gleichzeitig erhöhte sich die Akzeptanz gegenüber der Partei durch ihre Präsenz im Bundestag. Im Laufe der Zeit hat sich die Partei verändert. Zu den Erfolgen der Grünen zählen für mich der Atomausstieg, die Etablierung des Verbraucherschutzes, sowie das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Die Einstellung der anderen Parteien gegenüber den Grünen veränderte sich mit der Zeit. 1983 sprachen sie den Grünen noch die Politikfähigkeit ab. Heute gehören die klassischen grünen Themen, wie Umweltschutz, ökologisches Bewusstsein und Nachhaltigkeit, zur Mainstreampolitik aller Parteien.
 
HJ Wetzlar
Hans-Johst Wetzlar, Gemeinderat für die Wählergemeinschaft für Bürgernähe und Umweltschutz, Au, 60 Jahre: Ich dachte in den 1980er Jahren, dass die Grünen die Welt verändern könnten. Doch die kann man nicht grün anstreichen. Die Ideale von damals waren in der ursprünglich gewünschten Form nicht umsetzbar. Zum einen, weil es eine zu kleine Gruppe war und zum anderen, weil sie teilweise einfach unrealistisch waren. Sie wollten die reine Demokratie umsetzen. Doch das geht nicht: Geld und Macht spielen immer eine Rolle. Trotzdem haben die Grünen eine bedeutende Funktion für die Gesellschaft eingenommen. Sie setzten viele ihrer Forderungen, gerade in der Energie- und Umweltpolitik, um. Allerdings profitierten sie als Partei eher weniger davon. Ihr Einzug in den Bundestag hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Grünen heute mehr akzeptiert sind. Durch die Arbeit im Bundestag mussten sie sich notgedrungen an das System anpassen und damit Federn lassen. Gerade in der Friedenspolitik haben sie erhebliche Zugeständnisse gemacht. Ich selbst bin den Grünen nie beigetreten, obwohl ich der Partei sehr nahe stehe. Es würde aus meiner Sicht auch keinen Sinn machen unsere Wählergemeinschaft als grüne Liste zu formieren. Wir definieren uns vor allem durch die Abgrenzung zur CDU und den Freien Wählern.

W. Kannen

Waltraud Kannen, Grünen-Gemeinderätin in Ehrenkirchen und Kreisrätin, 48 Jahre: Ich kann mich an den Bundestagseintritt der Grünen noch gut erinnern. Für mich hatte das etwas Befreiendes, etwas Hoffnungsvolles. Es zeichnete sich ein Aufbruch ab. Eingetreten bin ich, als sie bereits Bündnis 90/Die Grünen hießen. Durch ihre Bundestagsarbeit veränderten sie sehr viel. Sie trieben Umweltthemen und das Prinzip der Nachhaltigkeit voran. Mit ihrer Doppelspitze, Frau und Mann, gaben die Grünen ein Modell vor, das zeigte, dass Frauen in der Politik erfolgreich Verantwortung übernehmen können. Ich denke, die Tatsache, dass wir nun eine Bundeskanzlerin haben, ist auch ein Resultat der Grünen-Politik. Natürlich haben sich die Grünen in den letzten 25 Jahren gemäßigt. Politik-Machen bedeutet einfach Kompromisse zu finden. Das erlebe ich selbst, durch meine Tätigkeit im Gemeinde- und Kreisrat. Trotzdem unterscheiden sich die Grünen nach wie vor von den anderen Parteien. Sie trauen sich unkonventioneller zu denken als die übrigen. Durch die Bundestagsarbeit der Grünen hat sich auch auf Gemeindeebene viel getan.

Ulrike Zimmer

Ulrike Zimmer, Grünen-Gemeinderätin in Merzhausen, 60 Jahre: In Merzhausen wurden die Grünen bereits 1984 auf Anhieb in den Gemeinderat gewählt. Ich kandidierte erstmals 1994 für die Grüne Liste. In meiner Anfangszeit als Kommunalpolitikerin wurde ich häufig mit Aversionen gegenüber den Grünen konfrontiert. Das ärgerte mich und bewegte mich schließlich zum Parteieintritt. Der Versuch, die Grünen als "Übergangserscheinung" , ja als Chaoten hinzustellen, legte sich erst in den letzten Jahren. Ich erinnere mich, wie noch 1996 der CDU-Politiker Gundolf Fleischer mit der Überschrift "Grüne Alpträume" Wahlpropaganda gemacht hat. Solche Aussagen haben uns erst recht angespornt. Inzwischen werden wir in der Kommunalpolitik für unsere fachliche Kompetenz geschätzt. Die Grünen verbreiteten das basisdemokratische Verständnis. Durch sie haben die Menschen gelernt, dass man etwas bewegen kann, wenn man sich zusammen tut und gegen die Macht der etablierten Parteien angeht. Auf Bundesebene hat sich die Partei meiner Ansicht nach vor allem durch die Regierungsbeteiligung verändert. Die verschiedenen Strömungen innerhalb der Partei rauften sich zusammen und die Arbeitsweise wurde professioneller. Die Diskussionskultur der Partei unterscheidet sich weiterhin von der der anderen. Zum Beispiel wurde der Bundeswehreinsatz im Kosovo konträr und für alle sichtbar diskutiert. Ich finde das gut und wichtig. Größter politischer Erfolg der Grünen ist, dass sich Themen wie Ökologie und Umweltschutz in den Programmen anderer Parteien finden.

WalterMenzel

Walter Menzel, Grünen-Gemeinderatsmitglied in Merzhausen, 55 Jahre: Ich trat 1994 den Grünen bei, weil ich mich politisch betätigen wollte — schließlich kann man nicht immer nur über die Politik schimpfen. Für die Grünen habe ich mich entschieden, weil ich der Ansicht bin, dass man sich in dieser Partei am schnellsten einbringen und am schnellsten etwas bewegen kann. Außerdem waren im Ortsverband viele Leute, die ich sehr schätze. Als die Grünen in den Bundestag einzogen, kam ein frischer Wind auf. Das fand ich hervorragend. Sie stellten unbequeme Fragen. Andere dachten ihre Präsenz im Parlament wäre nur eine vorübergehende Erscheinung. In den vergangen Jahren sind die Entscheidungen der Grünen vorhersehbarer geworden. Das bedauere ich. Ich finde es wichtig für eine Gesellschaft, dass es Leute gibt, die revolutionäre und kreative Idee haben. Die Fundis kann man von den Realos kaum mehr unterscheiden. Ich würde mich zwar selbst nicht als Fundi bezeichnen, doch mir sind sie schon immer sympathischer gewesen, weil sie revolutionäre Ideen hatten. Insgesamt sind die Grünen ruhiger geworden. Die Debatten untereinander sind sachlicher geworden. Gut finde ich das nicht unbedingt, denn Streiten ist immens wichtig. Gerade durch die Regierungsbeteiligung hat sich viel verändert. Dadurch haben viele begriffen, dass sie mehr Verantwortung haben als nur für ihre Themen und ihre Partei. Die Partei-landschaft hat sich durch die Grünen gewandelt. Viele ihrer Themen und Ideen wurden von den anderen übernommen. Beispielsweise wirbt die CDU auf kommunaler Ebene nun mit dem Slogan "Bewahrt die Schöpfung" . Das ist eine gute Entwicklung.
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Badische Zeitung vom Freitag, 21. September 2007 

Keine "vorübergehende Sternschnuppe" 

Der Ortsverband von Bündnis 90 / Die Grünen im Hexental feierte seinen 25. Geburtstag

Von unserer Mitarbeiterin Barbara Schmidt

HEXENTAL. Vor 25 Jahren haben die Grünen im Hexental einen eigenen Ortsverband gegründet. Dieses Jubiläum feierten sie jetzt mit einem Sektempfang im Merzhauser Bürgersaal. Der Ortsverband, der in Merzhausen seinen Schwerpunkt hat, verabschiedete zudem die langjährige Gemeinderätin Maria Bach.

Das Jubiläum sei fast so etwas wie eine "Silberhochzeit" mit der Gemeinde, sagte der Vorsitzende Walter Menzel vor zahlreichen Festgästen, darunter der Landtagsabgeordneten Bärbl Mielich, etlichen Kreis- und Gemeinderäten sowie Bürgermeister Eugen Isaak. Das Gründungsmitglied Walter Witzel, bis 2006 Mitglied im Landtag, erinnerte an die Anfänge der Hexental-Grünen.

Paul Ruf habe den entscheidenden Impuls gegeben, sagte Witzel, indem er sich vom Kreisverband die Namensliste der Parteimitglieder geben ließ. Das erste Treffen fand "im Wohnzimmer der Familie Mayreder" statt. Dort beschloss man, den Ortsverband zu gründen, was am 16. September 1982 dann auch geschah. Die sieben Gründerinnen und Gründer Paul Ruf, Karin Hahn, Gerd Müller, Ingo Gutmann, Walter Witzel, Hede Richer-Siegel und Matthias Mayreder sowie zehn Gäste bestritten diese "legendäre Sitzung im Hexental-Stüble" , so Witzel.

In der Anfangszeit trafen sie sich jeden Monat zum Stammtisch, um die grüne Programmatik besser kennen zu lernen. Es habe damals, so berichtete Witzel, "ein großes Informationsbedürfnis" über die Politik der jungen Partei, die damals noch nicht im Bundestag war, gegeben. "Was woll’n die Grünen überhaupt?" , lautete die Frage. In Merzhausen bewegte damals der Ausbau der Vogtebrücke die Gemüter. Die Grünen verteilten Flugblätter in, so Witzel, "alle 1800 Briefkästen" und schafften bei den Gemeinderatswahlen 1984 auf Anhieb 20,64 Prozent. Ein Vierteljahrhundert später "blüht und gedeiht" der Ortsverband, freute sich Witzel.

Der Verband sei bis heute stark mit der Arbeit im Gemeinderat "verwoben" , sagte Ulrike Zimmer, die Vorsitzende der Gemeinderatsfraktion. Nach dem "furiosen Start" 1984 gewannen die Bündnisgrünen zehn Jahre später zwei weitere Sitze hinzu. "Ein traumhaftes Ergebnis" , so Zimmers Fazit. Bei den bislang letzten Wahlen 2004 fuhren sie dann ihr "bestes prozentuales Ergebnis" ein.

Bärbl Mielich dankte den Hexental-Grünen für ihre Arbeit. In Merzhausen haben sie 19 Mitglieder, dazu kommen weitere in Au, Horben, Sölden, Wittnau und Bollschweil. Anfangs seien sie noch als "vorübergehende Sternschnuppe" belächelt worden, erinnerte Bürgermeister Isaak. Im Laufe der Jahre hätten sie aber viel zur Sprache gebracht, was er bei der CDU vermisst habe, gab Isaak offen zu.

Seine Worte galten auch Maria Bach, die seit 1994 für die Grünen im Gemeinderat war und ihr Mandat kürzlich niedergelegt hat (die BZ berichtete). Ihr Abschied schmerze, sagte Isaak sichtlich gerührt, und: "Nehmen sie ein Stück Maria in ihr Herz mit, dann ist mir um die nächsten 25 Jahre nicht Bange."

Ulrike Zimmer verabschiedete ihre Fraktionskollegin mit den Worten: "Die Maria wird uns fehlen!" Sie habe sich mit Toleranz und Diplomatie Respekt verschafft und, so Zimmer, auch gegen "wahre Rede-Riesen" überzeugt. Als Geschenk bekam Maria Bach einen Hocker aus Nussbaumholz. Das seien ein paar Zentimeter Körpergröße mehr, wie Zimmer mit einem Schmunzeln erklärte. Die beiden Frauen hatten es in ihrer Fraktion erst mit dem Zwei-Meter-Mann Walter Witzel und danach mit dem kaum kleineren Walter Menzel zu tun. Gottfried Bach und Marjana Andraschke umrahmten die Feier musikalisch.

 
 
 

 

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